Kratzers provokante Schumann-Inszenierung polarisiert an der Hamburger Staatsoper
Albertine StollKratzers provokante Schumann-Inszenierung polarisiert an der Hamburger Staatsoper
Tobias Kratzers mutige Neuinszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri feiert Premiere an der Hamburgischen Staatsoper
Die von zeitgenössischen Themen und Publikumseinbindung geprägte Produktion des neu berufenen Intendanten der Staatsoper erntete sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe. Kratzer, der mit seiner Inszenierung das Werk des 19. Jahrhunderts mit drängenden Gegenwartsfragen verknüpfen wollte, brach von Anfang an mit klassischen Opernkonventionen.
Schon beim Betreten des Theaters wurden die Zuschauer:innen von Kameras erfasst, die über die Ränge fuhren und so die Grenze zwischen Darstellern und Publikum verschwimmen ließen. In einer Schlüsselszene kletterte die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, sogar über die Sitzreihen und setzte sich zu einem weinenden Mann ins Publikum.
Auf der Bühne deutete Kratzer Schumanns Oratorium mit drastischen Bildern der Gegenwart um: Der sterbende Jüngling, eine zentrale Figur, erschien als schwarzer Mann, der sich einem weißen Anführer widersetzte, während einfache Menschen von der Straße als Kämpfer in einem von einem weißen Antagonisten entfachten Krieg auftraten. Der dritte Akt thematisierte explizit die Klimakrise, wobei konkrete Inszenierungsdetails noch nicht preisgegeben wurden.
Musikalisch leitete Omer Meir Wellber, der neu ernannte Generalmusikdirektor, die Premiere mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg. Der Chor übernahm dabei eine aktive Rolle und unterstrich so den immersiven Charakter der Produktion. Trotz einiger kritischer Stimmen reagierte das Publikum mehrheitlich mit begeistertem Beifall.
Die Inszenierung markiert den Auftakt von Kratzers Amtszeit, in der er die Oper stärker für die Hamburger Stadtgesellschaft öffnen will. Die Premieren-Spielzeit umfasst zudem neu kuratierte Abende wie Monster's Paradise und Frauenliebe und -sterben – ein Zeichen für den Kurs hin zu experimentellerem Programm.
Mit der Uraufführung von Das Paradies und die Peri setzt Kratzer an der Hamburgischen Staatsoper ein provokantes Statement. Indem er Themen wie Rassismus, Konflikt und ökologische Dringlichkeit in Schumanns Werk einwebt, fordert die Produktion das Publikum heraus, Oper auf neue Weise zu erleben. Ob dieser Ansatz in der Hamburger Kulturszene breiteren Anklang findet, werden die kommenden Vorstellungen zeigen.






