Wie der Flaggenstreit die Weimarer Republik spaltete – und Hindenburgs gescheiter Kompromiss
Jan StahrWie der Flaggenstreit die Weimarer Republik spaltete – und Hindenburgs gescheiter Kompromiss
Der Flaggenstreit in Deutschland spitzte sich während der Weimarer Republik zu und spaltete die politischen Lager jahrelang. Im Mittelpunkt des Konflikts standen zwei konkurrierende Entwürfe: die schwarz-weiß-rote Flagge, die von konservativen Kräften bevorzugt wurde, und die schwarz-rot-goldene Variante, die von gemäßigteren und linken Parteien unterstützt wurde. Trotz wiederholter Versuche, die Streitfrage beizulegen, blieben die Spannungen bis zu einem entscheidenden Eingriff im Jahr 1926 ungelöst.
Die Gräben bildeten sich bereits nach der Revolution von 1918/19 heraus, als sich die Weimarer Koalition und die Kommunisten hinter Schwarz-Rot-Gold scharten. Ihnen gegenüber standen die rechtsgerichteten Parteien DVP und DNVP, die für Schwarz-Weiß-Rot eintraten – eine Farbkombination, die mit dem alten Kaiserreich verbunden war. Bis zur Reichspräsidentenwahl 1925 hatte sich die Spaltung in zwei Blöcke verfestigt: den „Schwarz-Rot-Goldenen Volksblock“ und den „Schwarz-Weiß-Roten Reichsblock“. Die Bemühungen der Nationalversammlung, die Gemüter zu beruhigen, scheiterten, sodass der Streit über Jahre hinweg schwelte.
Im Mai 1926 griff Reichspräsident Paul von Hindenburg ein und erließ die zweite Flaggenverordnung. Das Dekret sollte die verfeindeten Lager versöhnen, indem es beide Flaggen in bestimmten Kontexten zuließ. Diplomatische Vertretungen außerhalb Europas wurden angewiesen, die Nationalfarben (Schwarz-Rot-Gold) neben der Handelsflagge (Schwarz-Weiß-Rot) zu hissen. Nur wenige Tage zuvor hatte Hindenburg in einem offenen Brief zu einem verfassungskonformen Kompromiss aufgerufen, in der Hoffnung, den politischen Sturm zu besänftigen.
Hinter den Kulissen hatte der Reichskunstwart Edwin Redslob einen alternativen Entwurf vorgeschlagen: ein in rote und gelbe Viertel geteiltes Feld, überragt von einem schwarzen Balkenkreuz. Sein Vorstoß war Teil einer umfassenderen Initiative, um Fragen der nationalen Symbolik zu klären. Doch die Verordnung selbst war ein kalkulierter Schachzug – sie sollte die Linke und die Mitte dazu bewegen, Schwarz-Rot-Gold vollends zu akzeptieren, während gleichzeitig die Rechte beschwichtigt wurde.
Die Verordnung von 1926 beendete den Flaggenstreit nicht, schuf aber ein vorläufiges Regelwerk für dessen Verwendung. Die Spaltung bestand bis 1933 fort und spiegelte die tiefer liegenden politischen Brüche der Weimarer Republik wider. Auch andere Nationen – von Frankreich bis Kanada – haben ähnliche Auseinandersetzungen um nationale Symbole erlebt, doch nur wenige waren so eng mit ideologischen Konflikten verknüpft wie dieser.






