Gleichstellung in Deutschland: Warum junge Männer gegen Fortschritte rebellieren
Jan StahrEin Junge? - Warum einige Eltern damit hadern - Gleichstellung in Deutschland: Warum junge Männer gegen Fortschritte rebellieren
Neue Studien unterstreichen die anhaltenden Geschlechterklischees in Deutschland, die bereits früh die Erwartungen an Mädchen und Jungen prägen. Eine Ipsos-Umfrage zum Internationalen Frauentag 2026 offenbart tiefe generationenübergreifende Gräben – besonders bei Männern der Generation Z, von denen viele glauben, die Gleichstellung der Geschlechter sei zu weit gegangen. Diese Einstellungen beeinflussen Bildung, Berufswahl und sogar familiäre Dynamiken.
Die Ergebnisse zeigen zudem, dass trotz besserer Schulabschlüsse und höherer Studienanfängerinnenquoten bei Mädchen nach wie vor Vorurteile in Schulen, Arbeitswelten und Pflegerollen bestehen.
Laut der Ipsos-Studie sind 61 Prozent der jungen Männer der Generation Z der Meinung, genug für die Gleichberechtigung getan zu haben – im Vergleich zu 49 Prozent der männlichen Babyboomer. Mehr als die Hälfte (57 Prozent) der jungen Männer glaubt zudem, aufgrund der Fortschritte von Frauen nun selbst Diskriminierung zu erleben. Besonders auffällig: 31 Prozent stimmen der Aussage zu, Frauen sollten Männern gehorchen – eine Haltung, die nur 13 Prozent der älteren Generationen teilen.
Diese Einstellungen spiegeln breitere gesellschaftliche Trends wider. Mädchen gelten oft als anpassungsfähiger, fürsorglicher und fleißiger, während Jungen als wilder und akademisch weniger erfolgreich stereotypisiert werden. Zwar schließen Mädchen die Schule häufiger mit besseren Noten ab und glänzen in Lesekompetenz, doch in Mathematik liegen Jungen leicht vorn. Mehr junge Frauen beginnen ein Studium, doch in Promotionsprogrammen und Führungspositionen dominieren weiterhin Männer.
In Familien übernehmen Frauen nach wie vor häufiger Pflegeaufgaben – selbst dann, wenn sie Beruf und Kinderbetreuung vereinen müssen. Doch selbst eine Tochter garantiert nicht, dass Eltern im Alter Unterstützung erhalten. Die Geschlechterforscherin Tina Spies kritisiert diese Annahmen als "Retraditionalisierung" der Rollen. Sie warnt, dass sich Klischees auch im Bildungssystem fortsetzen, wo Mädchen seltener für anspruchsvolle Bildungswege empfohlen werden und häufiger frühzeitig die Schule abbrechen.
Sogar in sozialen Medien hat sich der Begriff #GenderDisappointment (etwa: "Enttäuschung über das Geschlecht") etabliert – für Eltern, die enttäuscht sind, wenn das Geschlecht ihres Kindes nicht ihren Erwartungen entspricht. Manche geben offen zu, sich Kinder zu wünschen, die sich nahtlos in ihr Leben einfügen – und zementieren damit starre Geschlechterrollen von Geburt an.
Die Umfrage macht deutlich, wie sehr traditionelle Klischees nachwirken und Bildung, Karrierechancen sowie familiäre Verantwortung prägen. Mädchen sehen sich mit geringeren Erwartungen in höheren Bildungswegen konfrontiert, während Jungen von Vorstellungen über mathematische Begabung und Führungspotenzial profitieren. Gleichzeitig deutet der Widerstand junger Männer gegen Gleichstellung darauf hin, dass sich diese Gräben vertiefen könnten – wenn nicht gezielt gegen Vorurteile in Schulen, Betrieben und Haushalten vorgegangen wird.