"We Crisis Actors": Wie ein Berliner Bühnenstück Verschwörungstheorien entlarvt
Albertine Stoll"We Crisis Actors": Wie ein Berliner Bühnenstück Verschwörungstheorien entlarvt
Eine mutige neue Bühnenperformance feiert in Berlin Premiere – eine Mischung aus Satire, Dokumentartheater und schwarzem Humor, die sich mit den Krisen unserer Zeit auseinandersetzt. "We Crisis Actors: Lookalike in Anger!" – eine Koproduktion des Künstlerkollektivs andcompany&Co. und des inklusiven Theaters Thikwa – stellt sich Verschwörungstheorien entgegen und lotet aus, wie die Gesellschaft auf Katastrophen reagiert, von Schulmassakern bis zum Klimakollaps.
Die Inszenierung setzt sich mit dem Begriff der "Crisis Actors" auseinander, einem Konstrukt aus rechtsextremen US-Verschwörungserzählungen. Diese Theorien behaupten, bezahlte Darsteller würden Tragödien wie Amokläufe inszenieren, um politische Agenden voranzutreiben. Auf der Bühne erinnert Alexander Karschnia von andcompany&Co. an den Anschlag auf die Marjory Stoneman Douglas High School 2018, bei dem Überlebende fälschlich als "Crisis Actors" diffamiert wurden. Mit spielerischer Ironie hinterfragt er sogar, ob die Mondlandung nicht vielleicht doch nur eine Inszenierung war.
Die Produktion verbindet Dokumentartheater mit slapstickhafter Körperkomik und satirischem Rollenspiel. Sowohl andcompany&Co. als auch Thikwa blicken auf eine lange Tradition autobiografischen Erzählens und ensemblebasierter Kunst zurück. Hier nutzen sie diese Methoden, um Medienmanipulation und gesellschaftliches Misstrauen zu sezieren. Die Aufführung belässt es nicht bei der Bloßstellung von Verschwörungstheorien – sie probt vielmehr unvorstellbare Krisenszenarien, von atomarer Bedrohung bis zum Systemkollaps, um sich ihnen zu stellen.
Zum Finale erklingt Freddie Mercurys"The Show Must Go On" – ein musikalisches Statement des Durchhaltevermögens in schwierigen Zeiten. Das Publikum quittierte die Vorstellung mit stehenden Ovationen und unterstrich so ihre emotionale wie intellektuelle Wucht.
Die Inszenierung hinterlässt Spuren, indem sie das Publikum zwingt, das eigene Weltbild zu hinterfragen – und die Gründe dafür. Durch die Verschmelzung realer Ereignisse mit theatralischer Satire entlarvt sie die Zerbrechlichkeit von Wahrheit im Zeitalter der Desinformation. Die stehenden Ovationen beweisen: Kunst kann auch in unsteten Zeiten noch zum Nachdenken anregen.